Phänomenologie und Wissenschaft

Bernhard Waldenfels

pp. 1-7

Es ist nicht möglich, in Freiburg von Phänomenologie zu sprechen, ohne der beiden Protagonisten zu gedenken, die sie dort heimisch gemacht haben. Das gilt auch für das Thema „Phänomenologie und Wissenschaft“, um das es im folgenden gehen soll. In seinem Aufsatz Philosophie als strenge Wissenschaft, der 1911 in der europäischen Zeitschrift „Logos“ erschien, erklärt Edmund Husserl: «Nicht von den Philosophien, sondern von den Sachen und Problemen muß der Antrieb zur Forschung ausgehen». Selber hat er als Mathematiker begonnen, doch er hat nie daran gedacht, die Phi- losophie als eine Wissenschaft unter anderen zu behandeln.

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DOI: 10.19079/metodo.1.1.2

Full citation [Harvard style]:

Waldenfels, B. (2013). Phänomenologie und Wissenschaft. Metodo. International Studies in Phenomenology and Philosophy 1 (1), pp. 1-7.

Phänomenologie und Wissenschaft Waldenfels Bernhard; Archiving of XML in sdvig press database Open Commons November 19, 2018, 8:38 pm

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1Es ist nicht möglich, in Freiburg von Phänomenologie zu sprechen, ohne der beiden Protagonisten zu gedenken, die sie dort heimisch gemacht haben. Das gilt auch für das Thema „Phänomenologie und Wissenschaft“, um das es im folgenden gehen soll. In seinem Aufsatz Philosophie als strenge Wissenschaft, der 1911 in der europäischen Zeitschrift „Logos“ erschien, erklärt Edmund Husserl: «Nicht von den Philosophien, sondern von den Sachen und Problemen muß der Antrieb zur Forschung ausgehen». Selber hat er als Mathematiker begonnen, doch er hat nie daran gedacht, die Philosophie als eine Wissenschaft unter anderen zu behandeln. Seine Forderung nach Strenge betrifft die Eigentümlichkeit eines kritischen Denkens, das ständig auf seine eigenen Voraussetzungen zurückkommt. Zu seiner Zeit wandte er sich gegen einen Naturalismus, der alles in bloße Naturtatsachen und Naturvorgänge verwandelt. Ebenso wandte er sich gegen einen Historismus, der Bedeutungen, Ziele und Regeln in historische Vorgänge auflöst und sein Heil in einer „Weltanschauungsphilosophie“ sucht, die sich wie ein Menetekel am Horizont abzeichnete. Seine Fazit lautet: «Bloße Tatsachenwissenschaften machen bloße Tatsachenmenschen». Politisch bedeutet dies: Die Macht der Tatsachen endet in der Tatsache der Macht.

2Auf der anderen Seite haben wir Martin Heidegger. Von ihm stammt nicht nur der mißverständliche Satz „Wissenschaft denkt nicht“, der allzu leicht der philosophischen Wissenschaftsabstinenz als Alibi dient, vielmehr betont er in einer seiner frühen Vorlesungen: «Das Große der Entdeckung der Phänomenologie liegt […] darin, daß sie die Entdeckung der Möglichkeit des Forschens in der Philosophie ist». Die „Sache des Denkens“, von der der eine spricht, ist nicht zu haben ohne die „Sachen selbst“, von denen der andere spricht, und beides ist nicht zu haben ohne die anhaltende Verwunderung darüber, daß die Dinge so sind, wie sie sind. Offenkundig werden damit alte Impulse aufgenommen, die auf die griechischen Anfänge zurückgehen, wo Philosophie und Wissenschaft noch in einem Wissenskosmos vereint waren. Doch alte Impulse neu wirksam werden zu lassen, ist etwas anderes. Zu behaupten, daß Husserl und Heidegger dabei an einem Strick zogen, wäre zuviel behauptet. Der düstere Augenblick, da der Ältere von beiden hier an diesem Ort Hausverbot hatte, während der Jüngere als Hausherr sein Rektorenamt versah und den Führer zu führen versuchte, ist bekannt genug. Er markiert einen Tiefpunkt der deutschsprachigen Phänomenologie und Philosophie, der viele ihrer Anhänger, darunter eine große Anzahl jüdischer Forscher, außer Landes trieb und manchen wie Edith Stein das Leben kostete.

3Es ist nicht meine Absicht, eine lange Geschichte zu erzählen, doch einige Worte möchte ich darüber verlieren, wie jemand, der an der Schwelle des Dritten Reichs geboren wurde, mit der Phänomenologie in Berührung kam. In München lehrte zur Zeit meines Studiums Helmut Kuhn, unter dessen Betreuung ich meinen Doktortitel erwarb. Ähnlich wie der Gräzist Kurt von Fritz, der als Korreferent an der Promotion beteiligt war, hatte er als junger Berliner Privatdozent in die USA emigrieren müssen. Doch zuvor erschien von Helmut Kuhn in den Kantstudien noch eine Rezension von Husserls Pariser Méditations Cartésiennes, die 1929 auf französisch in einer Übersetzung von Gabrielle Pfeiffer und Emmanuel Levinas auf französisch herausgekommen waren. Kurt von Fritz hatte sich selbst zwangspensioniert, indem er die Unterzeichnung des berüchtigten Führereids mit der Klausel versah: «Soweit mein Gewissen es zuläßt». Beide waren also wie manch anderer nach langen Jahren aus der Emigration zurückgekehrt. Was Helmut Kuhn angeht, so sehe ich bis heute an der Tafel in zierlicher Schrift die Wörter ‚Noesis’ und ‚Noema’. Dies war ein verspätetes Echo aus Husserls phänomenologischem ABC, das besagt: Denken hat es mit Gedachtem zu tun und nicht bloß mit psychischen Akten und Zuständen. Anläßlich eines Kongresses, der sich mit der älteren Münchener Phänomenologie, unter anderem also mit Max Scheler befaßte, gründete Helmut Kuhn 1971 im kleinsten Kreis, zu dem ich selbst gehörte, die „Deutsche Gesellschaft für phänomenologischeForschung“. Doch für die weitere Öffentlichkeit stand die Phänomenologie nach dem Bruch, den das Dritte Reich bewirkt hatte, zunächst im Schatten von Existentialismus, neuer Ontologie, Neuthomismus und Wiener Positivismus. Es scheint, als hätten der materielle und geistige Wiederaufbau eines zerschlagenen Landes und der Bedarf nach weltanschaulicher Umorientierung wenig Kräfte und Antriebe gelassen für die geduldige Beschreibungsarbeit der Phänomenologie.

4So ist es nicht verwunderlich, daß mein eigener Weg in die Phänomenologie auf einen Umweg durch das Ausland führte. Anfang der 60er Jahre wurde ich in Paris durch Maurice Merleau-Ponty und Paul Ricœur auf höchst lebendige Weise mit der Phänomenologie vertraut, und dort erwarb ich nicht nur meinen ersten Band Proust, sondern auch meinen ersten Husserl-Band, nämlich die bereits erwähnten Cartesianischen Meditationen, die 1950 als Band I der Husserliana in Den Haag erschienen waren. Für meine Habilitationsschrift, die von Husserl her auf einZwischenreich des Dialogs zusteuerte, studierte ich Husserls Nachlaß nicht am Freiburger Herkunftsort, sondern im belgischen Leuven, wo 1939 dank der beherzten Rettungsaktion von Pater Van Breda das erste Husserl-Archiv eröffnet wurde, mit Merleau-Ponty als dem ersten Besucher. Die Schwelle der Freiburger Universität überschritt ich erst spät. Werner Marx war dort als Nachfolger Heideggers tätig, auch er als jüdischer Deutscher aus der amerikanischen Emigration zurückgekehrt. An der New Yorker New School stiftete er eine Werner Marx-Professur, auf der ich später ein Semester lang gelehrt habe. 1975 lud Werner Marx mich in Freiburg zu einem Vortrag ins Husserl-Archiv ein. Eine amüsante Anekdote ist mir in Erinnerung geblieben. Als ich mit dem Fahrstuhl zum Vortragsraum hinauffuhr, wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen Studenten, die einander fragten: „Gehst du auch zu Habermas?“ Es war die 68er Zeit. Mein Vortrag ging über Normen und Kontexte des Verhaltens, meine Ausführungen bezogen sich aber in der Tat im Untertitel, wie mir nahegelegt wurde, auf Jürgen Habermas, dessen Schriften zeitig mein kritisches Interesse geweckt hatten. Dies also war mein Freiburger Anfang. Es dauerte weitere 20 Jahre, bis sich die Gelegenheiten zu Freiburger Visiten zu häufen begannen. Anlaß waren Tagungen und Ringvorlesungen zu Themen wie „Mündlichkeit und Schriftlichkeit“, „Grenze und Schwelle“, „Die Deutschen und ihre Sprache“, „Tanz in den Künsten“, kürzlich dann zum Thema „Zeit“, auch eine von mir selbst geleitete Tagung zu „Perspektiven phänomenologischer Ethik“ war darunter. Gemeinsam mit Wolfgang Eßbach, einem frühen Entdecker von Foucault und dem Initiator der Plessner-Gesellschaft, gebe ich seit gut zehn Jahren im Fink-Verlag die Reihe „Übergänge“ heraus, in der Philosophie und Sozialwissenschaften unter dem lockeren Band der Phänomenologie kooperieren. Schließlich ergaben sich Forschungskontakte zu einem von Regula Giuliani und Thomas Vongehr gegründeten Collegium Phaenomenologicum und zu dem inzwischen von Hans-Helmuth Gander geleiteten Husserl-Archiv, in dessen Nachbarschaft dann mein Vorlaß eine Bleibe gefunden hat. Sie sehen, unter Freiburger Verhältnissen bin ich ein Spätberufener, aber ich bin dabei aufzuholen.

5Damit komme ich zum eigentlichen Thema meines Exposés. Phänomenologie und Wissenschaft – das ist leichter gesagt als getan. Philosophische Impulse müssen von den Sachen selbst ausgehen, so haben wir gehört. Doch dabei ist es so, daß phänomenologische Vorzugsthemen wie Bedeutung, Bewegung und Affekt, Leib und Körper, Raum und Zeit, Zeichen und Bild, Aufmerksamkeit und Erinnerung durch und durch interdisziplinär angelegt sind. Es handelt sich um Kernphänomene, deren Behandlung quer durch die Disziplinen geht. Die Zeiten, als die Philosophie unbestritten als Gesamt- oder Grundwissenschaft auftreten konnte, sind vorbei. Die Kontingenz soziokultureller Lebenswelten, die Pluralität konkurrierender Zugangsweisen und die Berührung mit außereuropäischen Kulturen widersetzen sich einer Etablierung dessen, was Nietzsche „pyramidale Ordnung“ nannte. Tonangebend sind nun Ordnungsmuster wie Struktur, Feld, Horizont, Kontext, Konfiguration oder Rahmen, die mit einem Ausdruck von Eugen Fink als „operative Begriffe“ zu bezeichnen sind. Sie schaffen einen offenen und beweglichen Zusammenhang, in dem die Gewichte sich immer wieder verschieben und Hauptwege in Seitenwege übergehen.

6In dieser Lage, die weder umfassende Systeme noch große Erzählungen begünstigt, sieht sich die Philosophie verschiedenen Versuchungen ausgesetzt. Eine erste Versuchung liegt in ihr selbst und in ihrem immensen historischen Reichtum. Philosophen können sich nur anderswo einmischen, wenn sie sich nicht mit dem gelehrten Wiederkäuen ihrer eigenen Geschichte zufrieden geben, so bedeutsam diese auch ist und bleibt. Heideggers nachdenklicher Satz „Denkende lernen aus dem Fehlenden nachhaltiger“ setzt voraus, daß man lernt und nicht nur Gralshüterei betreibt und seine Gedanken in die Nischen eines „Kolumbariums“ einschließt. Auch das archivarische Interesse, das durch Michel Foucault neu bewertet wurde, muß sich in die Spalten des Wissens eingraben. Eine zweite Versuchung liegt darin, sich in ein bunteskulturelles Vielerlei zu zerstreuen. Die Warnung vor der Polymathie als einer Vielwisserei ist so alt wie die Philosophie selber. Die Flucht der Philosophie in das Sammelbecken der Kulturwissenschaften halte ich für eine Verwässerung, wenn sie über augenzwinkernde Zugeständnisse an die administrative Pragmatik hinausgeht. Ein Denken, das sich auf einen Ausdruck der jeweiligen Kultur reduziert, verliert die Kraft, über die Grenzen der eigenen Kultur hinauszudenken. Im neueren Kulturalismus kehren die Aporien eines älteren Historismus in abgewandelter Form wieder. Schließlich bleibt als dritte Versuchung die Anlehnung und Angleichung der philosophischen Denkweise an die Modelle und Konstrukte der Einzelwissenschaften und an deren mitunter schwindelerregenden Paradigmenwechsel. In seinem letzten großen Werk, das sich der Krisis der europäischen Wissenschaften widmete, warnt Husserl davor, daß die Erfahrungswissenschaften mit der Hypostasierung ihrer methodisch gewonnenen Resultate sich selbst das Wasser der Erfahrung abgraben, so daß das „fruchtbare Pathos derErfahrung“, wie es bei Kant heißt, austrocknet. Die Erfahrung würde am Ende nur noch in verkleideter Form auftreten. Ich zitiere Edmund Husserl: «Das Ideenkleid macht es, daß wir für wahres Sein nehmen, was eine Methode ist». Inzwischen hat sich eine technologisch versierte Wissenschaftspragmatik herausgebildet, die sich um kein „wahres Sein“ schert, sondern lediglich dafür sorgt, daß alles mögliche funktioniert. Husserl hatte bereits eine Denkökonomie vor Augen, die jeglichen Sinn auf die „Spielbedeutung“ von Schachfiguren reduziert. Man könnte auch das Zahlenspiel von Börsenwerten anführen, das nur noch das Auf und Ab von „Tauschwerten“ kennt, oder – um im eigenen Haus zu bleiben – das Sammeln von Credit Points. Husserl begnügte sich jedoch nicht mit Kassandrarufen, vielmehr empfahl er, sich an die „wirklichen Methoden“ und an die „Arbeit der Erfahrung“ zu halten, die Physiker, Biologen oder Geisteswissenschaftler tatsächlich vollführen. Hier tun sich in der Tat immer wieder Spalte auf zwischen der gelebten Erfahrung und den Modellen, Konstrukten und Apparaturen, mit Hilfe derer die Techno-Science in die Erfahrung eindringt und sie durchdringt. Diese Spalte verschwinden, wenn man sich auf griffige Formeln verläßt, die beispielsweise suggerieren, daß das „Gehirn bewertet“ und „Dialoge führt“, daß die Abgründe des Vergessens lediglich „Kapazitätsgrenzen“ des Bewußtseins widerspiegeln, daß leibhaftige Geschlechterdifferenzen aus „kulturellen Konstrukten“ bestehen oder daß Aufmerksamkeit sich auf eine „Ressource der Informationsgesellschaft“ beschränkt, deren Störungen, als ADS oder ADHS zu rubrizieren und medikamentös zu beheben sind. Ginge es bei der Aufmerksamkeit nur um Informationsbeschaffung, so hätten Schüler nicht ganz Unrecht, wenn sie sich, anstatt Schillers Räuber zu lesen, mit einer Inhaltsangabe aus dem Google begnügen. Es breitet sich ein interdisziplinäres Kauderwelsch aus, wenn nicht sorglich zwischen Erfahrungseinstellungen, Artefakten und Sprachebenen unterschieden wird.

7Dies alles hat nichts zu tun mit einem Streit der Fakultäten, wohl aber mit Deutungsbezügen und Deutungskonflikten, die quer durch die Fakultäten gehen. Um dies zu illustrieren, beziehe ich mich im folgenden auf drei ausgesuchte Forschungsfelder nebst drei repräsentativen Forschern. Diese Forscher sind nicht als förmliche Phänomenologen zu betrachten, sie gehören aber zum Umfeld der Phänomenologie, und ich selbst verdanke ihnen wichtige Anregungen. Damit komme ich nochmals auf den Werdegang der Phänomenologie zurück.

8Der erste Forscher, den ich anführen möchte, ist Kurt Goldstein. Dieser deutsch-jüdische Neurologe und Psychiater leitete in der Zwischenkriegszeit in Frankfurt ein Rehabilitationszentrum, wo Kriegsverletzte behandelt wurden. Zusammen mit dem Gestaltpsychologen Adhémar Gelb und namhaften Mitarbeitern führte er über Jahre hinweg hirnpathologische Fallstudien durch. Diese Forschungen fanden ihren konzentrierten Niederschlag in Goldsteins Werk Der Aufbau des Organismus, das in der Amsterdamer Emigration entstand und 1934 im holländischen Den Haag erschien, bevor eine amerikanische und in den 50er Jahren eine von Merleau-Ponty und Sartre besorgte französische Ausgabe folgten. Letztere enthält einen Herausgebervermerk, der lautet: «Man sieht hier, was vielleicht – bei strenger Anwendung auf das positive Wissen – eine ‚phänomenologische’ Methode sein kann, die öfters zelebriert als praktiziert wird». Dieses deutschsprachige Werk eines deutschen Emigranten wird demnächst erstmals in einem deutschen Verlag erscheinen, in der bereits erwähnten Reihe „Übergänge“. Mir selbst begegnete Goldsteins Name auf Schritt und Tritt, als ich Merleau-Pontys Erstlingswerk Die Struktur des Verhaltens übersetzte. Sein Name taucht wie ein Leuchtzeichen hier und dort auf, so etwa bei Autoren wie Scheler, Cassirer, Canguilhem, Lévi-Strauss, bei dem Kunstpsychologen Rudolf Arnheim und dem russischen Neuropsychologen Alexander Lurija oder in den populär gewordenen Krankengeschichten von Oliver Sacks. Im Mittelpunkt steht der Fall des Patienten Schneider, der im Krieg eine Verletzung in der optischen Hirnregion davongetragen hatte. Man untersuchte höchst detailliert die Auswirkungen dieser Verletzung auf das Gesamtverhalten. Ich greife einige Befunde heraus, die in Merleau-Pontys Wahrnehmungs- und Verhaltenslehre eine besondere Rolle spielen. Der Patient ist unfähig auf seine Nase zu zeigen, obwohl er doch jederzeit eine Mücke verjagen kann. Darin bekundet sich der Unterschied zwischen symbolischem Zeigen und praktischem Greifen, der rein physiologisch nicht zu fassen ist. Ein anderes Beispiel betrifft, die Schwierigkeit des Patienten, fiktionale Handlungen wie etwa einen militärischen Gruß auszuführen, als wäre er noch Soldat. Darin zeigt sich eine Fixierung auf das Wirkliche bei gleichzeitiger Schwächung des Möglichkeitssinnes. Ein weiteres Beispiel liefert ein Sortierungsversuch. Der Patient, der unter anderem unter einer Farbennamenanamnesie leidet, folgt bei der Sortierung farbiger Wollfäden wechselnden Kriterien wie Helligkeit oder Grundton, ohne einen bestimmten kategorialen Aspekt durchzuhalten. Foucault bezieht sich darauf im Vorwort von Les mots et les choses, ohne den Namen Goldstein zu nennen. In all diesen Fällen tauchen philosophisch relevante Phänomene auf, aber in einer pathologischen Brechung, auf einem neuronalen Hintergrund sowie in einem narrativen Kontext. Ich selbst habe für meine responsive Phänomenologie den Begriff der Responsivität von Goldstein entlehnt, der ihn seinerseits aus der Virchow-Schule übernommen hat. Responsivität bedeutet dort die normale Fähigkeit des Organismus, den Anforderungen des Milieus nachzukommen, im Gegensatz zur Krankheit als einer Form der Irresponsivität. Heilung bedeutet dann mehr als Reparatur, nämlich Findung einer neuen Lebensform unter anomalen und erschwerten Bedingungen. Das Motiv der Responsivität wurde für mich wichtig bei dem Versuch, ein Verhalten zu beschreiben, das über eigene Ziele und gemeinsame Normen hinausgeht und von fremden und situativen Ansprüchen ausgeht. In einseitig teleologisch, normativ oder kausal ausgerichteten Sprach- und Handlungstheorien kommt dieser responsive Aspekt zu kurz. Bekanntlich spielte die Antwort auch bei älteren Verhaltenspsychologen eine Rolle, bevor der Behaviorismus sie als kausale Reaktion in das Stimulus-Response-Schema gezwängt und ihre dialogischen Impulse wegerklärt hat.

9Die zweite Forschungsfigur, auf die ich mich beziehe, ist der jüdisch-russische Linguist Roman Jakobson. Seine Vertrautheit mit der Phänomenologie geht zurück auf den Moskauer Linguistenkreis, der durch Gustav Špet, einen Schüler Husserls aus Göttinger Zeiten, mitgeprägt wurde. Als Jakobson nach seinem Prager Intermezzo über Skandinavien in die USA flüchtete, hatte er einen Band von Husserls Logischen Untersuchungen in seinem schmalen Reisegepäck. Ich wurde frühzeitig durch Merleau-Ponty auf seine linguistischen Studien aufmerksam und entdeckte dort einen dynamischen Strukturalismus, der deutlich von der Statik des Saussureschen Sprachsystems absticht. Eine stärkere Berücksichtigung der Strukturierungs- und Restrukturierungsprozesse hätte die Matadore des französischen Strukturalismus vor manchen Engpässen bewahren können. Dank meinem Bochumer Kollegen Elmar Holenstein, der bei Jakobson in Harvard geforscht hat, erhielt ich die Gelegenheit, diesem exzeptionellen Gelehrten, der einen Bochumer Ehrendoktor erhielt, persönlich zu begegnen. Dies war zuerst in Zürich und dann in Bielefeld, wo ich mich am Rande des dortigen Autorenkolloquiums mit dem Autor über den Erfindungsreichtum der Kindersprache unterhielt. Neben einem kurzen Text über „Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze“, der gleichsam im Fluge bei der Ausreise verfaßt wurde, hat es mir eine größere Studie auf besondere Weise angetan. Sie trägt den Titel Zwei Seiten der Sprache und zwei Typen aphatischer Störungen und wurde mir durch eine 1974 von Wolfgang Raible herausgegebene Aufsatzsammlung zugänglich. Diese Studie stand, nebenbei gesagt, auch im Mittelpunkt meines oben erwähnten ersten Freiburger Vortrags. Die Doppelseitigkeit der Sprache, die sich einerseits in Kontexten bewegt und andererseits Selektionen vollzieht, war mir eine große Hilfe für die Konzeption eines flexiblen Redens und Handelns, das sich weder restlos aus empirischen Daten herleiten noch restlos aus Normen rechtfertigen läßt. Im Sprachgeschehen öffnen sich mehr oder weniger große Spielräume, abseits der Extreme von Beliebigkeit und Zwang, die in bestimmten Typen der Aphasie als pathologische Entgleisungen in Erscheinung treten. Das eine Mal kommt die Sprache nicht vom Fleck, das andere Mal verliert sie sich in einer Art Wortflucht. Auch die Philosophie leidet darunter, wenn sie sich einerseits zu monolithischen Grundsätzen versteigt und sich andererseits in einem kontextuellen Gespinst verfängt. Die partielle Offenheit von Kontexten zwingt zur Erfindung. Damit öffnen sich Wege zur Paradoxie einer produktiven Antwort, die erfindet, was sie antwortet, nicht aber das, worauf sie antwortet. Die hochnotpeinliche Frage nach Leben und Tod des Subjekts unterläuft Jakobson mit der Spaltung des Ichs in ein „Ich des Aussagegehalts“ und ein „Ich des Aussageereignisses“. So ist der Sprechende niemals Herr seiner Rede. Lacan hat daraus Folgerungen gezogen für die Sprache des Unbewußten in der Psychoanalyse. Von Schopenhauer stammt die polemische Bemerkung: «Eine von Fichte eingeführte und seitdem habilitierte Erschleichung liegt im Ausdruck ‚das Ich’». Der Philosoph kann aus der Linguistik lernen, wie es zu dieser Erschleichung kommt und wie er sie vermeidet. Von hier aus ist es ein kurzer Weg zum Polylog von Michail Bachtin, einem weiteren Mitglied des Moskauer Linguistenkreises, der die Fremdheit in der eigenen Rede beginnen läßt, so daß jedes Wort ein „halbfremdes Wort“ ist. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich an die stattliche Reihe osteuropäischer Philosophen, die – oftmals über Deutschland als Zwischenstation – phänomenologische Ideen nach Frankreich brachten. Es ist eine ganze Namenslitanei: Georges Gurvitch, Aron Gurwitsch, Alexandre Kojève, Alexandre Koyré, Lev Šestov, Emmanuel Levinas, Eugène Minkowski, Françoise Minkowska.

10Mein dritter Gewährsmann ist Max Imdahl, mit dem ich bis zu seinem frühen Tod in Bochum Stockwerk über Stockwerk gelehrt und geforscht habe. Er gehört zu den Pionieren der neueren Bildwissenschaften und hatte eine beachtliche Ausstrahlung. Eine Bochumer Schülerin, Angeli Janhsan, lehrt hier in Freiburg. Ich selbst habe Max Imdahl als jemanden kennengelernt, der zur phänomenologischen Theorie, wie zu aller Theorie, eher ein Gebrauchsverhältnis unterhielt. Doch um so intensiver praktizierte er die Phänomenologie. Ich nenne drei wichtige Motive, die dies deutlich machen. – An erster Stelle sei etwas ganz Grundlegendes erwähnt. Bilder sind, wie schon für Husserl, Sartre oder Merleau-Ponty, zu allererst Medien, worin und wodurch wir sehen, und nicht etwas, das wir sehen. Wir sehen in Bildern und sehen gemäß Bildern, bevor wir Bilder als solche sehen. Dies bedeutet, daß unsere leiblich verankerte Erfahrung nicht nur sprachlich, sondern auch bildlich geprägt ist. Der Mensch ist nicht nur ein Lebewesen, das einen Logos hat, sondern auch eines, das Eikones besitzt und von ihnen besessen ist. – An zweiter Stelle beziehe ich mich auf das eigentümliche Verfahren der Phänomenologie. Es läßt sich mit Heidegger als ein elementares Sehenlassen, als ein Aufweisen bestimmen. Die Phänomenologie hat ihre eigentümliche Stärke darin, daß sie – solange sie sich treu bleibt – das begriffliche Sprechen über etwas und das Begründen von Aussagen über etwas niemals völlig ablöst von der Erfahrung, die darin zur Sprache kommt oder eben ins Bild kommt. Der Wiener Sprachtheoretiker Karl Bühler, der ebenfalls zum Umfeld der Phänomenologie gehört, verankert das Symbolfeld der Sprache in einem Zeigfeld. Im Gebrauch von Zeigwörtern wie ‚ich’, ‚du’, ‚hier’, ‚jetzt’ oder ‚dies-da’ verschränken sich Zeigen und Sagen. Für ein Denken, das Erfahrungen in Sprache übersetzt, sind begriffliche Schärfe und argumentative Strenge, überspitzt gesagt, Sekundärtugenden. Daraus resultiert eine gewisse Nähe zur Kunst, eine Verwandtschaft von Ästhesiologie und Ästhetik. So gelingt es Max Imdahl als einem praktizierenden Phänomenologen immer wieder, auf Unauffälliges aufmerksam zu machen, ohne ihm das Überraschende, das Erstaunliche und auch das Erschreckende zu nehmen. Ein schlagendes Beispiel seiner Beschreibungskunst entnehme ich der älteren Kunst, in der alles mit rechten Dingen zuzugehen scheint und eine Windmühle noch eine Windmühle ist. Doch beigenauerem Hinsehen zeigt sich, daß der holländische Maler Ruisdael die Mühle von Wijk nicht in der Frontalsicht des Bildbetrachters darstellt, sondern aus der Untersicht eines fiktiven Beschauers im Bild. Auf diese Weise verschränkt sich der Ort des Betrachters vor dem Bild mit einem Blickpunkt im Bild. Der Sehende sieht nicht nur etwas, er wird indirekt Zeuge seines eigenen Sehens. Natürlich ist es von dorther ein weiter Schritt bis zu den Etüden der Minimal Art, der Imdahl ein frühes Interesse entgegenbrachte. Hier begegnen uns „inkompatible Strukturierungen“, die den Blick in Bewegung halten, ohne daß eine herrschende Ansicht sich durchsetzt. Dennoch findet Neues sich auch im Alten, wenn der Blick seine Gewohnheiten abstreift. – Damit kommen wir zu einem dritten und letzten Aspekt, der buchstäblich mit dem Namen Imdahl verbunden ist. Ich denke an die Differenzierung des Sehens in einsehendes Sehen, das uns Neuartiges und Unsichtbares sehen läßt, und ein wiedererkennendes Sehen, in dem wir sehen, was wir im Grunde bereits kennen. Ordnungen des Sichtbaren verweisen auf Bildstiftungen, in denen Neues sich durch Verformung bestehender Sichtweisen Bahn bricht. Bilder wie der Isenheimer Altar und die Démoiselles d’Avignon sind Schlüssel- und Schwellenbilder, die Unsichtbares sichtbar machen, indem sie uns nicht bloß anderes sehen lassen, sondern anders sehen lassen. Mich selbst interessiert in besonderem Maße das Blickgeschehen, das durch Bildwirkungen in Gang gesetzt wird. Ich sehe darin so etwas wie eine Geburt des Eidos aus dem Pathos. Auch der Blick ist ein antwortender Blick, bevor er Gesehenes verarbeitet. An dieser Stelle kreuzt die Ikonik die Bahnen einer pathisch grundierten, responsiven Phänomenologie, für die jedes Wort, jede Geste und auch jeder Blick aus der Ferne kommt.

11Mein Streifzug durch die Grenzgebiete von Phänomenologie, Wissenschaft und am Ende auch durch die der Kunst endet hier. Er sollte zeigen, daß das karge Und, das Philosophie und Wissenschaft aneinanderreiht, mehr bedeutet als eine äußere Klammer. Es gibt nämlich eine Menge von Übergangsphänomenen und Überschußmomenten, die sich klassischen Unterscheidungen wie wesentlich/zufällig, transzendental/empirisch, normativ/faktisch oder ontologisch/ontisch entziehen, und dies führt an überraschenden Stellen zu Überschneidungen zwischen den Feldern von Philosophie und Wissenschaft. Von Foucault stammt die schlichte Formulierung: «il y a de l’ordre – es gibt Ordnung». Ordnungen die es gibt, die aber auch anders sein könnten, verbreiten um sich Schatten des Außerordentlichen, des Fremden, des Anomalen und Heterogenen. Wenn das Staunen der ständige Anfang der Philosophie ist, so sind es Anomalien, durch die die Forschung der Wissenschaften aus dem Schlummer der Normalität geweckt wird. Was aber wird dann aus den „Sachen selbst“, von denen wir mit Husserl ausgegangen sind? Sie lassen uns keine Ruhe, wenn alles, was sich uns zeigt, mehr und anderes ist als das, was es auf den ersten Blick ist. Wir müssen nur merken, daß es so ist.

Footnotes

  • 1 Der Text wurde als Vortrag zur Ehrenpromotion in Freiburg am 8. 2. 2012 presentiert.

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