Interview mit Hans Rainer Sepp im Rahmen der Husserl Lecture 2018 und der HAT 2018

Prof. Dr. Hans Rainer Sepp ist Preisträger der Husserl Lecture 2018, die jährlich von der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung (DGPF) vergeben wird. Im Rahmen seiner Lecture wird er am 18. Oktober einen Vortrag mit dem Titel „Vom Absoluten. Skizze einer Phänomenologie des Extrems“ abhalten. Im Anschluss finden vom 19. bis zum 20. Oktober die Husserl-Arbeitstage statt, die mit einem von Hans Rainer Sepp geleiteten Seminar zum Thema „Subjekt in Wirklichkeit: Die Erfindung der Fotografie“ eröffnet werden. 

Erik Dzwiza und Selin Gerlek aus dem et al. Team hatten die Gelegenheit, bereits im Vorfeld ein Interview mit Hans Rainer Sepp zu führen. Wir danken Hans Rainer Sepp für dessen außerordentlich freundliche Unterstützung!

Zur Person: Hans Rainer Sepp (geb. 1954) studierte von 1974 bis 1979 Philosophie und Germanistik an der LMU in München und war von 1982 bis 1992 Mitarbeiter des Husserl-Archivs in Freiburg. In dieser Tätigkeit war er außerdem Koeditor verschiedener Bände der Husserliana. 1991/92 promovierte Sepp an der LMU in München bei Eberhard Avé-Lallemant und habilitierte schließlich 2004/05 an der Karls-Universität in Prag und an der TU Dresden. Neben der Gründung und Herausgeberschaft etwa der Buchreihe Orbis Phaenomenologicus war er auch Direktor des Eugen Fink-Archivs in Freiburg und gibt die Gesamtausgabe mit heraus. Er ist u.a. Leiter des Mitteleuropäischen Instituts für Philosophie an der Karls-Universität in Prag. Arbeitsschwerpunkte sind Phänomenologie, Ethik, Ästhetik, Interkulturelle Philosophie und Philosophische Anthropologie. Er arbeitet konkret am Konzept einer „Philosophischen Europa-Forschung“ und hat auf Grundlage einer ausgearbeiteten Leiblichkeitsphänomenologie zahlreiche Arbeiten zur von ihm begründeten Oikophilosophie vorgelegt. In Kürze (2019) erscheint zudem im Karl Alber Verlag In. Grundrisse einer Oikologie, das die Oikologie systematisch zusammenfasst. 

Im Interview spricht Hans Rainer Sepp insbesondere über die Grundlagen seiner Oikophilosophie und stellt Bezüge zu den wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit her. 


E&S: Ausgehend vom „oikos“, also altgriechisch „Haus“, haben Sie eine Oikophänomenologie entwickelt, die einen starken Bezug zu Leiblichkeit und Praxis hat. Verstehen Sie die Oikophänomenologie als Beitrag zur sogenannten praktischen Wende, wie sie in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften gegenwärtig viel besprochen wird?

HRS: Philosophische Oikologie auf phänomenologischer Basis versucht das Verhältnis von Sozialität und Individualität neu zu beschreiben. Dabei wendet sie sich gegen zwei verbreitete Ansichten: einmal gegen die Ansicht, das Individuelle sei ein Derivat des Sozialen, zum anderen gegen die Aufteilung, die den Oikos als den Raum des Privaten der Polis als dem Bereich des Öffentlichen entgegensetzt. Demgegenüber gilt es, zwei Weisen des Individuellen zu unterscheiden: Während die Selbstapperzeption individueller Existenz als individueller in der Tat als späte Folge einer bestimmten sozialen Kultur auftritt, geht das In-dividuelle dem Sozialen vorher. Hier ist das In-dividuum der Inbegriff des Abgetrennten (im Sinne der séparation bei Levinas): d.h. das Faktum, das ‚ich’ (und niemand für mich) atme, esse, schlafe usw. Dann aber ist zu fragen, was die radikal abgetrennte In-dividualität sozial werden lässt, und die Antwort wäre, dass diese Vermittlung durch das Haus zustande kommt. Man könnte sagen, dass es diejenige Einrichtung ist, mit der Leiblichkeit (denn in-dividuelle Existenz ist eine leiblich verfasste) ihre Sozialisierungsfähigkeit erprobt. Ein Beispielkann hier zur Verdeutlichung dienen: Im Bezug auf den eigenen Leib bilden sich rudimentäre Vorstellungen und Verhaltensmuster von innen und außen, was in Bezug auf das Haus reproduziert und mittels Sprache und überhaupt imaginativer Kompetenzen ‚sozialisiert’ wird (das Haus als ‚zweiter Leib’, wie dieser schon das ‚erste Haus’ ist). Das Haus ist, kurz gesagt, das Relais zwischen einem ersten rein leiblich zu beschreibenden Insein und einem Insein, das schon im Kontext einer Welt fungiert, also ein In-der-Welt-sein ist. Die These ist, dass vom Letzteren aus Ersteres nicht mehr einzuholen ist. Die Nahtstelle von beidem ist dasjenige, was wir, in unterschiedlicher kultureller Variabilität, unter ‚Haus’ verstehen – in städtebildenden Kulturen beginnt es offenbar mit dem in Stein auf Ewigkeit gestellten Heiligtum (etwa Göbekli Tepe, Stonehenge).

Untersucht werden kann dies mittels einer auch die Realgenealogie der Hausbildung in der Folge der Generationen mit einbeziehenden Sinngenealogie, die ein oikologisches Profil der ‚Wohn’-Räume rekonstruiert: so zunächst in Bezug auf das Höhlenhafte, sodann auf die Wand als Grundelement der Hausbildung selbst mit etwa dem Fenster als besonderem Element, aber es sind auch der Blick als Aus-Blick (Perspektive), das Theater als Rück-Blick, Spiegelung des Orts in sich selbst, der Ort als Nicht-Ort (das Utopische) und der besondere Ort des ‚Zwischen’, und dies jeweils interkulturell. Dabei steht die Bedingung von Kultur, der Mensch als ‚kulturbildendes’ Wesen, selbst infrage, also die Rolle, welche insbesondere dem Sesshaftwerden zukommt. Dabei geht es auch um Fragen, inwiefern z.B. in Europa die ‚Urstiftung’ von Philosophie und Wissenschaft eine sesshafte Kultur voraussetzt, was diesbezüglich die philosophische Rede von ‚Grund’ und ‚Begründung’, die Suche nach (Wissens-) Besitz, auch die Konzepte von ‚Theorie’ und ‚Praxis’ bzw. die Entdeckung der theoría als „theoretischer Praxis“ (Husserl) usw. besagen. In diesem Sinn ist Oikologie auch eine Philosophie der Philosophie. Sie ist in diesem Sinn keine ‚Kulturtheorie’, die einen Begriff von ‚Kultur’ schon voraussetzt; sie hat das ‚Kulturhafte’ selbst noch zu klären.

E&S: In Ihrer Theorie der Oikophänomenologie kommt dem Leib eine besondere Rolle zu. Wie würden Sie Ihre Leiblichkeitskonzeption in einem Absatz zusammenfassen?

Die Grundthese ist, dass Leiblichkeit nicht nur mit Sinnhaftigkeit korreliert, sondern dass wir mehrere Leibfunktionen zu unterscheiden haben, nämlich eine basale Leiblichkeit, die sich rein aufgrund von erlittener Widerständigkeit konfiguriert und sich von hierher sich in die Konstitution von Sinnwelten ‚rettet’, wobei solches reaktive Sichretten zunächst bloße Ausrichtung ist. Zum Beispiel: Inwiefern liefert die Höhlenmalerei ein frühes Indiz dafür, wie der Mensch es lernt, sich auf das Wirkliche um ihn herum zu beziehen, um es in Besitz zu nehmen? De facto geschieht dies alles, d.h. Erfahrung des Widerständigen, gegenwendige Ausrichtung und Sinnstiftung nahezu in einem, aber in der Analyse sind unterschiedliche Leibfunktionen auseinanderzuhalten.

E&S: Momentan gibt es eine Debatte um die sogenannte Eco-Phenomenology, die weitgehend im englischsprachigen Raum eine Rolle spielt. Sehen Sie hier eine Nähe zur Oikophänomenologie?

Das Ökologische (wie auch das Ökonomische, Technische und Politische) ist ein Grundthema der Oikologie. Es betrifft die Frage, in welcher Hinsicht jenes ursprüngliche in-dividuelle Insein, das jede und jeder von uns lebt, ein Ungleichgewicht in die Wirklichkeit bringt. In-dividuelle Existenzen sind Ungleichgewichte, und die Frage ist, wie sie auszubalancieren sind. Können, sollen sie in ein Gleichgewicht überführt werden? Oder kann es allenfalls darum gehen, in Bezug auf sie „stabile Ungleichgewichte“ zu bilden (wie der Biologe H. Reichholf evolutionstheoretisch Verhältnisse in der Natur beschreibt) – und wenn ja, wie? Die Entwicklung der Ökologie als Umwelt-Wissenschaft (erst bei Haeckel, später bei von Uexküll, Imanishi) ging ja von der Relation eines Lebewesens zu seiner Umwelt aus, daher lag darin auch früh schon eine gewisse thematische Nähe zur Phänomenologie. Imanishi betont, dass diese Korrelation nicht so verstanden werden dürfe, dass das betreffende Lebewesen ‚Produkt’ seiner Umwelt ist. Die grundlegende Frage in unserem Zusammenhang ist: Inwieweit bedarf es einer die prinzipiellen Schwachstellen menschlicher Existenz ausfindig machenden Theorie, die nicht biologisch begründend vorgeht und nicht naturalistisch angelegt ist? Eine (Umwelt-) Ethik etwa operiert bereits im Bezug auf das Sozialwesen Mensch, Oikologie fragt hingegen nach dem Ethos im Sinne von Wohnen / Ge-Wohnheit und überschreibt dabei in gewissem Sinn Ansätze einer Philosophischen Anthropologie.

E&S: Was denken Sie, sind die brennendsten Fragen unserer Zeit? Und hat die Phänomenologie ihrer Meinung nach Antworten zu bieten? Und wie wird Ihr Projekt wie die Philosophische Europa-Forschung in Zeiten von Populismus, Nationalismus und Alternativen Wahrheiten aufgenommen?

In diesem Zusammenhang wird eine oikologische Theorie des Egozentrismus relevant. Die leibliche Situation des in-dividuellen Inseins bildet als Egoität in ihrer ursprünglichen Innen-Außen-Relation und ihrer Perspektivik einen ersten, sozusagen ‚natürlichen’ Egozentrismus aus. Der Mensch kann aufgrund seiner leiblichen Ausstattung gar nicht anders, als egozentrisch zu sein. Ungünstigerweise hat diese ursprüngliche Anlage zudem die Tendenz, über Haus(-Macht-)Bildung und Sozialisierung sich erheblich zu radikalisieren, wie wir alle wissen. Das Problem ist nun aber, dass wir ins Leere greifen, sofern wir diesen egozentrischen Auswüchsen nur (erst) im Sozialen begegnen wollen (das macht z.B. der ‚Sozialismus’), weil dann der Wagen schon abgefahren ist. Kapitalismus und Sozialismus begehen den gemeinsamen Fehler, das radikal In-dividuale, das Individuelle mit Bindestrich, zu überspringen (das ‚Individuelle’ kapitalistischer Auffassungen, etwa neoliberaler Spielarten, betrifft schon ein in bestimmter Hinsicht sozialisiertes Individuum). Beide sind ja ein Indiz europäischer Kulturentwicklung, aber letztlich geht eine solche ‚europatheoretische’ Analyse in einer oikologischen auf. Europa-Forschung ist Teil einer Oikologie. Dann kann auch gezeigt werden, wie außereuropäische Kulturen, z. B. australische Ureinwohner, gerade unter Anerkennung einer nicht austauschbaren Existenz der Einzelnen bei der Stabilisierung des sozialen Verbands verfahren.

E&S: Was versprechen Sie sich von der Husserl-Lecture?

Ich freue mich sehr, dass es diese Einrichtung gibt. Sie kann dazu beitragen, die Aufmerksamkeit wieder mehr auf die Phänomenologie zu lenken, was besonders in Deutschland dringlich ist. Die Phänomenologie hält viele Denkmöglichkeiten bereit, wenn man sich nur darauf einlässt, mit ihr zu experimentieren, d.h., wie Nietzsche sagt, „auf den Versuch hin lebt“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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