(Rezension) Erik Norman Dzwiza – „The Story of a Brief Marriage“ oder: Ein Tag Leben in der Gefahrenzone

In diesem Beitrag aus der Reihe „Phänomenologie und Literatur“ schildert Erik Norman Dzwiza seine Lektüre von Anuk Arudpragasams „Die Geschichte einer kurzen Ehe“,  2017 im Hanser-Verlag erschienen und ins Deutsche übersetzt von Hannes Meyer. Was er dabei entdeckt, ist eine Phänomenologie der Gefahrenzone…


In Die Geschichte einer kurzen Ehe sehen wir die Welt für einen Tag durch die Augen Dineshs – eines jungen Tamilen auf der Flucht, der, nachdem seine Familie in den Wirren des Krieges umkam, in einem der letzten Flüchtlingslager vor der Küste gestrandet ist. Trotz der genuin politischen Ausgangssituation – dem Bürgerkrieg in Sri Lanka, bei dem sich die Tamil Tigers und die Regierungstruppen über mehrere Jahrzehnte (1983–2009) bekämpften – erfahren wir erstaunlich wenig über die Geschichte dieses Konflikts, d. h. dessen politische und gesellschaftliche Wurzeln. Worüber wir jedoch erstaunlich viel erfahren, ist die Art und Weise, wie ein Leben im Ausnahmezustand, also eine Existenz innerhalb der Gefahrenzone, sich anfühlen könnte. Wie durch ein Vergrößerungsglas blicken wir auf die Ereignisse: auf Gewalt, Verstümmelung, auf die Angst und Verzweiflung traumatisierter Menschen im Bombenhagel… Was sich uns zeigt, ist jedoch nicht das Chaos; vielmehr verlaufen die Szenen des Schreckens eigentümlich verlangsamt, in unheimlicher, ja trügerischer Ruhe. Wir sind, wie allmählich deutlich wird, bloß Mitreisende im Bewusstsein der traumatisierten und betäubten Existenz Dineshs, die – wie ein uralter Gletscher, dessen kompakte Masse unter der permanenten Wärmestrahlung instabil wird – aufzutauen beginnt:

Es „wich seine anfängliche Verwirrung einem leisen, allumfassenden Staunen. Ihm war, als wäre er bisher durch einen dichten Nebel getaumelt und hätte gedankenlos getan, was zu tun war, ohne seine Umgebung tatsächlich wahrzunehmen, ohne die Wirklichkeit an sich heranzulassen, und als wäre er nun, überrumpelt von dem unerwarteten Angebot, nach wer weiß wie vielen Monaten aus diesem Dämmerzustand gerissen worden und würde sich erst jetzt der Situation und der Präsenz der vielen Menschen um ihn herum und seiner selbst, wie er unsicher das Lager durchquerte, überhaupt bewusst werden.“ (16)

Die Anästhesie des Daseins, die bisher wie eine schützende Hülle das Pathos von Krieg und Gewalt absorbierte, verliert unter der unzähmbaren Macht, die Worte höchster Intimität auszusenden im Stande sind, ihre Integrität: Dinesh wird mit einer unerwarteten Heiratsofferte konfrontiert. Dabei vollzieht sich das Erwachen aus der Anästhesie nur allmählich; und sie vollzieht sich vor allem durch die Ästhesie des Leibes, welcher vor der Dämmerung der Todesgefahr zu leuchten beginnt:

„Sein Leben lang hatte er seine Hände und Füße benutzt, seine Finger und Zehen, und in der Gewissheit, dass er sich bald nicht mehr auf sie würde verlassen können, kam er sich alleingelassen und einsam vor, so als würde er sich vor der Auswanderung in ein fernes Land am Bahnhof oder am Hafen von Freunden und Verwandten verabschieden, von denen er gedacht hatte, sie würden ihn sein Leben lang begleiten.“ (28)

Gehen wir mit Dinesh auf eine Reise, die als Wiederentdeckung von Welt vermittels des Leibes beschrieben werden könnte – auch wenn diese Welt eigentümlich begrenzt bleibt. Es ist, um mit Kurt Lewins Kriegslandschaft (1917) zu sprechen, eine Phänomenologie der Gefahrenzone, in welcher auch der letzte Halt der Lagerdinge ständig davon bedroht ist, sich in die allumfassende Kriegslandschaft aufzulösen. Innerhalb dieses Grenzbereichs menschlicher Existenz, in dem Verdichtung und Auflösung von Leben verschwistert zu sein scheinen, gelingen dem Autor Anuk Arudpragasam mit der Kraft seiner Phantasie herausragende Schilderungen, die in nichts den Beschreibungen der großen Phänomenologen nachstehen. So werden wir unmittelbar an Husserls berühmte Analysen des inneren Zeitbewusstseins erinnert, deren lebensweltliche Störanfälligkeit die Psychopathologie ans Licht brachte:

„Von dem Teil seines Verstandes, der für die Vergangenheit, und dem, der für die Zukunft zuständig war, waren dicke Scheiben abgeschnitten worden, und um den empfindlichen Kern, der der Gegenwart gehörte, blieb nur noch eine dünne Schicht aus jüngster Vergangenheit und naher Zukunft, sodass Dinesh nicht mehr auf die fernere Vergangenheit oder Zukunft zugreifen konnte, mit deren Hilfe normale Menschen in schweren Zeiten die Gegenwart ignorieren oder ertragen oder zumindest rechtfertigen konnten.“ (134)

Da Dinesh diese Pathologie des Zeit- und Weltbewusstseins mit den Bewohnern der Gefahrenzone teilt, gerät das ‚Zwischenreich des Dialogs‘ in seiner selbstverständlich gewordenen Souveränität ins Wanken:

„Gespräche waren wie das Abwickeln eines unsichtbaren Fadens, der als Klangstrom in die Luft geschossen wird und durch die Ohren in den Körper anderer Menschen eintritt, von diesen in wieder andere und von denen in immer weitere. […] Der transparente Faden, der sich im normalen Alltag so einfach spinnen ließ, hatte sich aufgelöst, also gab es nichts mehr abzuspulen, und jeder einzelne Mensch im Lager konnte nur noch allein und still dasitzen, verloren in sich selbst und ohne jede Möglichkeit einer Verbindung.“ (81f.)

Dieser phänomenologische Impetus – der auch die Kraft der Metapher zu nutzen weiß, um das sich Entziehende in seiner Phänomenalität einzufangen – durchzieht die gesamte Erzählung, in welcher immer wieder das anschaulich wird, was uns Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty, Sartre, Waldenfels, Fuchs und viele weitere lehrten zu sehen. Anstatt dies nun noch weiter zu belegen, rate ich an dieser Stelle nur eines: selbst lesen!

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