Thomas Bedorf – Die korporale Differenz (aus: Prisma zeitgenössischer Bestimmungen von Leiblichkeit)

Der folgende Beitrag von Thomas Bedorf stammt aus der Reihe „Prisma zeitgenössischer Bestimmungen von Leiblichkeit“. Angesichts der zentralen Stellung, die das Leib-Konzept in der phänomenologischen Tradition innehat, lohnt sich der Versuch, die jeweiligen untereinander durchaus nicht deckungsgleichen Bestimmungen in einen Dialog zu bringen. Zweck einer solchen Parallelisierung ist nicht nur die Möglichkeit der Sichtbarmachung der Vielfalt leibtheoretischer Forschungen, sondern auch der Versuch, nach genuin zeitgenössischen Denkfiguren und Traditionen sowie nach einem Bezugsgewebe oder auch nach der Reichweite möglicher Bestimmungen zu fragen. Hierzu hat et al. mehrere ForscherInnen gebeten, ihre Bestimmungen für unseren Blog in knappen Worten zusammenzufassen.


Die korporale Differenz

 

Leib-körperliche Erfahrung ist Erfahrung in korporaler Differenz. Die Fremdheit des Körpers am und im eigenen Leibe zu erfahren, bedeutet kein Primat des leiblichen Beisichseins, sondern im Gegenteil dessen Unmöglichkeit. Die Differenz von Leib und Körper lässt sich dabei durch zwei gegenläufige Bewegungen näher kennzeichnen: Entzug und imaginärer Vorgriff:

  1. Mit Entzug will hier bezeichnet sein, dass Körper und Leib nie zur Deckung zu bringen sind und doch in der Erfahrung jeweils mit vorkommen, was nach beiden Sein hin gilt. Der fungierende Leib entzieht sich dem Zugriff der thematisierenden Erkenntnis, da er sich – als fungierend – gerade nicht verlustfrei vergegenständlichen lässt. Den Leib sieht man nicht, man sieht durch ihn hindurch Welt. Umgekehrt entzieht sich der Körper dem leiblichen Zugriff, insofern sowohl der natürliche wie der eingewöhnte Körper – oder: erste und zweie Natur des Körpers – uns selbst als Fremdes gegenübertreten. Die Erfahrung der Selbstfremdheit hat (nicht nur, aber) immer auch mit unseren Körpern zu tun, die ihr Eigenleben führen.
  2. Der imaginäre Vorgriff bezeichnet die dem Entzug entgegengesetzte Bewegung. Sie bezeichnet die Notwendigkeit, im Umgang mit der korporalen Differenz eine fiktive Einheit setzen zu müssen. Subjektivität als Name für diese fingierte Einheit nimmt eine Position in Anspruch, von der aus Wahrnehmen, Sprechen und Handeln möglich ist, als ob sie in sich homogen wäre. Die Inanspruchnahme von Subjektivität hat indessen eine eigentümliche Zeitstruktur, nämlich die der vorzeitigen Nachträglichkeit: Insofern ich mich nur fasse, indem ich mir entgleite, kann ich meiner selbst nur habhaft werden durch die Inanspruchnahme einer imaginären Subjektform, die von performativen Praktiken bereitgestellt und reproduziert werden.

In der korporalen Performanz gelingt Subjektwerden in Praktiken nur in Inanspruchnahme einer Position, die das Subjekt noch nicht haben kann. Anders aber kann Subjektivität nicht gelingen als im Vorgriff ohne Boden. Um den Gedanken der korporalen Differnz in einer Formel zusammenzufassen: Der habituelle Körper hat das Selbst qua Körper, der fungierende Leib verfügt über das damit gegebene Können seinerseits qua Leib: die leibkörperliche Existenz ist gekennzeichnet von einer Selbstdifferenz in Praktiken.


(aus: Thomas Bedorf (2017), „Selbstdifferenz in Praktiken. Phänomenologie, Anthropologie und die korporale Differenz“, in: Thomas Bedorf u. Selin Gerlek, Hg., Phänomenologie und Praxistheorie (Gastherausgeber Schwerpunkt), in: Phänomenologische Forschungen(2017), Nr. 2, 57-75. Wir danken dem Meiner-Verlag, und insbesondere Herrn Simon-Gadhof, für die freundliche Erlaubnis, Stellen in leicht veränderter Fassung auf den Seiten von et al. zu veröffentlichen.)


Thomas Bedorf ist unter anderem Mitherausgeber des Handbuchs Leiblichkeit. Geschichte und Aktualität eines Konzepts, Tübingen 2012; ehemaliger Koleiter des DFG-Netzwerks Kulturen der Leiblichkeit und Leiter des DFG-Projekts Praktische Körper, Altpräsident der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung (DGPF; 2015-2017)

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