Bernhard Waldenfels – Der Leib als Umschlagstelle (aus: Prisma zeitgenössischer Bestimmungen von Leiblichkeit)

Der folgende Beitrag von Bernhard Waldenfels stammt aus der Reihe „Prisma zeitgenössischer Bestimmungen von Leiblichkeit“. Angesichts der zentralen Stellung, die das Leib-Konzept in der phänomenologischen Tradition innehat, lohnt sich der Versuch, die jeweiligen untereinander durchaus nicht deckungsgleichen Bestimmungen in einen Dialog zu bringen. Zweck einer solchen Parallelisierung ist nicht nur die Möglichkeit der Sichtbarmachung der Vielfalt leibtheoretischer Forschungen, sondern auch der Versuch, nach genuin zeitgenössischen Denkfiguren und Traditionen sowie nach einem Bezugsgewebe oder auch nach der Reichweite möglicher Bestimmungen zu fragen. Hierzu hat et al. mehrere ForscherInnen gebeten, ihre Bestimmungen für unseren Blog in knappen Worten zusammenzufassen.


Bernhard Waldenfels: Der Leib als Umschlagstelle

 

Gehen wir aus von leiblichen Erfahrungen, so begegnet uns der Leib zunächst nicht als Etwas oder als Jemand, zugehörig einer natürlichen Welt der Dinge oder einer kulturellen Welt geistiger Bedeutungen, vielmehr begegnet er uns in der Art und Weise einer Leiblichkeit, mittels derer wir uns selbst, die Anderen und die Welt erfahren. „Le corps est notre moyen général d‘avoir un monde – Der Leib ist unser allgemeines Medium einer Welthabe.‟ (Merleau-Ponty 1945/1966, 171/176) Darin gleicht die Leiblichkeit der Zeitlichkeit und Räumlichkeit des Lebens, mit der sie eng verflochten ist. Unsere Reflexion auf den Leib entdeckt ihn in Form eines leiblichen Selbst, das sich selbst verdoppelt. Die Selbstverdoppelung besagt, daß unser Leib zugleich als fungierender Leib und als materielles Körperding auftritt. Das Rätsel liegt in diesem Zugleich, das nicht auf ein identisches X verweist. Die Selbstgegenwart geht Hand in Hand mit einer zeitlich-räumlichen Selbstverschiebung, die ich als Diastase bezeichne. Der Selbstbezug ist verquickt mit einem Selbstentzug; der Eigenleib, französisch als corps propre bekannt, nimmt selbst Züge eines Fremdkörpers an. In diesem Sinne sprechen wir mit Husserl, Scheler oder Plessner von einem Leibkörper, bei dem das Leibsein sich mit einem Körperhaben verbindet. Wie das Ich bei Rimbaud: JE est un autre so ist auch das leibliche Selbst ein Anderes, was nicht heißt, daß es etwas Anderes ist. Tatsächlich erfahre ich die Natur am eigenen Leib als „meine Natur‟ (Husserl 1952 [Husserliana IV], 280), während umgekehrt Spuren meines Tuns in der Natur auftauchen, so etwa als Fingerabdrücke oder Fußspuren.


(aus: Bernhard Waldenfels (i.Ersch.), „Der Leib als Umschlagstelle zwischen Kultur und Natur“, in: Yearbook for Eastern and Western Philosophy, hrsg. v. Hans Feger, Xie Dikun u. Wang Ge, De Gruyter. Wir danken Bernhard Waldenfels für die freundliche Erlaubnis, Auszüge in veränderter Fassung auf den Seiten von et al. zu veröffentlichen.)


Bernhard Waldenfels ist Autor zahlreicher einschlägiger Studien zur Phänomenologie des Leibes; zu nennen wären etwa seine Vorlesungen Das leibliche Selbst. Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes, Frankfurt/M. 2000. Neben seinen Arbeiten zur Phänomenologie des Leibes, zur Vielfalt der Sinne und Künste sowie zur französischen Philosophie hat Waldenfels seine responsive Phänomenologie des Fremden entwickelt, in welcher das Fremde, der Leib, der Anspruch des Anderen und die Zeitverschiebung zentrale Motive bilden. Er ist Übersetzer und Herausgeber von Merleau-Pontys Schriften, Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung (DGPF), Gründer der Reihe Phänomenologische Untersuchungen im Wilhelm Fink-Verlag und war Koleiter des Graduiertenkollegs Phänomenologie und Hermeneutik.


 

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