Interview mit Jessica Güsken über handgreifliche Beispiele in der phänomenologischen Philosophie

Jessica Güsken (M.A.) ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Neuere deutsche Literatur und Medienästhetik an der FernUniversität in Hagen. Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht momentan die Praxis des Beispielgebens im Diskurs der philosophischen Ästhetik, insbesondere die Beispiele, die dort für das Hässliche gegeben werden. Im Gespräch mit Selin Gerlek aus dem et al.-Team könnt ihr nachlesen, worum es in der Beispielforschung geht und inwiefern Literaturwissenschaft und Phänomenologie diesbezüglich in einer spezifischen Nähe zueinander stehen.


SG: Liebe Jessica, ich durfte im Sommer Teil einer u.a. von Dir organisierten und thematisch konzipierten Tagung mit dem spannenden Titel Handgreifliche Beispiele ästhetischen Wissens in Bochum und Hagen sein. Sowohl im Vorfeld als auch danach haben wir zwei uns wiederholt getroffen, um gemeinsam einige Aspekte des Tagungsthemas aus literaturwissenschaftlicher wie auch phänomenologischer Perspektive zu diskutieren. Die Tagung selbst ist zudem Teil einer Reihe von Aktivitäten des DFG-geförderten Projekts Archiv des Beispiels, das Theorien des Beispiels, vor allem aber die Praxis des Beispielgebens in verschiedenen Wissensdiskursen erforscht und auch seit einigen Jahren die gleichnamige Datenbank Archiv des Beispiels betreibt, in der gegebene Beispiele gesammelt und mit einem von Euch entwickelten Beschreibungsvokabular klassiert werden. Für die phänomenologische Forschung mag nicht von Beginn an klar sein, aus welchem Grund die Beispielforschung auch für diese interessant sein kann. Augenfälliger wird die Sache erst, wenn es um „handgreifliche Beispiele“ geht und damit nicht zuletzt auch leibphänomenologische Themen angesprochen werden.  Du bist in Deinem Vortrag während der Tagung darauf eingegangen, dass historisch anhand handgreiflicher Beispiele dem Übergang von der Theorie zur Praxis beigewohnt werden kann. Kannst Du das etwas erläutern?

JG: Ich würde dabei zunächst gar nicht so sehr eine historische Perspektive betonen, jedenfalls ist das kein spezifisch modernes Phänomen. Tatsächlich tauchen solche Beispiele, die Peter Risthaus (er ist Initiator der Idee, und wir haben die Tagung gemeinsam konzipiert und veranstaltet) und ich handgreifliche Beispiele in einem engeren Sinne nennen, ja zu ganz verschiedenen Zeiten in Texten ganz verschiedener Wissensdiskurse auf. Das wurde auch nochmal mit den sowohl thematisch als auch zeitraummäßig breit aufgestellten Vorträgen der Tagung deutlich, die von Machiavelli, Grácian oder George Berkeley, über Kant, Herder, Goethe oder Hegel, und bis zu Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty, Nancy oder Derrida, aber ebenfalls Walter Benjamin, Paul Valéry, Adorno oder Lacan reichten, oder sich eben auch – wie Du es ja mit Deinem spannenden Vortrag unter anderem getan hast – Texten von Medizinern wie Grünbaum widmeten.

Wir haben beobachtet, dass in diesen Beispielen nicht nur das Berühren, berührbare Dinge und bestimmte Sinnesorgane sowie Körperteile (Hände, Finger, Haut usw.) die Hauptrolle spielen, sondern dass diese Beispiele auch dazu angetan sind, von ‚reiner Theorie‘ zur tangiblen, körperlich-praktischen Erfahrung überzugehen: Handgreifliche Beispiele haben einen bestimmten (und mal impliziten, mal ganz ausdrücklichen) Aufforderungscharakter, und versprechen häufig eine Evidenz, die der Text allein anscheinend nicht liefern kann. Es geht damit auch um Beispiele, die, wie man so schön sagt, schlagend sind, insofern sie nicht nur etwas veranschaulichen oder vor Augen stellen, sondern eine Theorie gerade dadurch erhärten, ihr Triftigkeit und Gewicht verleihen sollen, indem sie die Leser*innen zum eigenhändigen Praktisch-Werden, zum Anfassen, zum Ausprobieren, zum Selbstexperiment, zum Nachfühlen am eigenen Leib aufrufen. Als Agenten der Herstellung und Sicherung von Evidenz ebnen diese Beispiele Übergänge vom Theoretischen zur Praxis. Eine weitere sich daran anschließende Frage ist, wie solche Beispiele mit handgreiflich-operativen Praktiken verbunden sind – einschließlich aller Aspekte des Übens sowie der Disziplinierung von Körper und Sinnlichkeit.

SG: Merleau-Ponty etwa gebraucht in seiner frühen Phase und besonders in Phänomenologie der Wahrnehmung Beispiele, die etwa den motorischen Erwerb von Gewohnheiten selbst vor Augen zu führen vermögen, indem die aufgeführten Beispiele in Reflexionen eingewebt sind, welche selbst nur dann nachvollzogen und verstanden werden können, wenn diese tatsächlich ‚nachgeahmt‘ werden. Damit tut sich eine Differenz von thematischem und operativem Gebrauch von Beispielen auf, da durch den operativen Gebrauch nunmehr eine Aufforderung an den Leser ergeht. In Deinem eigenen Vortrag während der Tagung bist Du weniger auf Merleau-Ponty eingegangen – ich als Phänomenologin wäre sehr an weiteren Ausführungen zu diesem Übergang von der Theorie in die Praxis interessiert.

JG: Es geht dabei eben nicht nur um ein Anschaulich-Machen, es geht um mehr und anderes als ein Vor-Augen-Führen, nämlich um ein eigenhändiges Ausprobieren. Interessant ist gerade, dass diese Theorie offenbar nicht darauf verzichten kann, ihre Argumente ganz praktisch an Handgreiflichem zu versichern. Dabei hat dieser Beispielgebrauch nicht etwa eine bloß propädeutisch-didaktische Dimension (wo es darum ginge, das Argument auch jenen be-greifbar zu machen, denen die abstrakte Theorie ansonsten entgleitet; schon Kant sprach ja vom Beispiel als einem bloßen „Gängelwagen“ der Vernunft). Vielmehr spielen diese Beispiele auch und zumal in einer epistemischen Dimension. Sie bekommen hier ein bemerkenswertes Gewicht. Hängt nicht die ganze Theorie von diesen Beispielen ab? Bekanntlich erklärt Merleau-Ponty in Phänomenologie der Wahrnehmung in §8, was „doppelte Empfindungen“ sind und woran also „mein Leib“ zu erkennen ist; und wie selbstverständlich taucht da sogleich die Hand, genauer, die Selbstberührung der Hände als Beispiel auf: „ich berühre meine rechte Hand mit der linken“ usw. (nachzulesen auch ) Das Beispiel entfaltet seine Kraft, das Argument, um das es Merleau-Ponty hier geht und an dem ja nicht wenig, sondern, zugespitzt gesagt, seine gesamte Leibtheorie hängt, plausibel zu machen und ihm Evidenz zu verleihen, genau insofern, als wir Leser*innen das ausprobieren und praktisch, d.h. am eigenen „Leib“ nachvollziehen, was uns hier mit dem Beispiel mehr als buchstäblich an die Hand gegeben wird: Berühren wir unsere rechte mit der linken Hand, erfahren wir, was „Leib“ sein soll, was Merleau-Ponty mit diesem Begriff ansprechen, ja entwerfen will. Dieses Beispiel hat dabei nicht zuletzt auch die Funktion, sich den „Leib“ als Ganzheit zu versichern. Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass Merleau-Ponty nicht der erste ist, der dieses Beispiel der berührenden Hände gibt; vielmehr scheint es aus Husserls Ideen II abgeschaut – und entsprechend lohnt es sich, den Beispielen sich oder andere Gegenstände (etwa den „Briefbeschwerer“, den „Tisch“ oder die „Lampe“) berührender Hände und „tastender Finger“ nachzugehen, um etwas über die unterschiedlichen Leibtheorien Husserls und Merleau-Pontys und deren Implikationen herauszufinden.

SG: Das phänomenologisch höchst aufschlussreiche Beispiel der Doppelempfindung war zudem Gegenstand eines Vortrags von Thomas Bedorf, der nun auch in zwei Ausgaben Eurer Hauszeitschrift veröffentlicht werden soll. Beispiele haben also auch mit Intertextualität zu tun. Sie sind, wie Derrida sagen würde, auch wie ein Zitat, doch nicht allein das…

JG: Die Beobachtung, die man hier bereits machen kann, nämlich: dass Beispiele nicht allein innerhalb eines Textes, sondern auch aus anderen Texten und nicht selten sogar aus ganz anderen Wissensdiskursen wieder aufgenommen werden, führt zu einer weiteren, größeren Frage: Warum werden bestimmte Beispiele immer wieder gegeben (und welche genau sind das), warum also setzen sich offenbar manche Beispiele durch (während andere verschwinden) und treten dabei womöglich an die Stelle eines komplexen Wissens? Vielleicht versprechen gerade handgreifliche Beispiele eine Reduzierung von Komplexität, die sie interessant macht für Wiederholungen, die dann eben nicht nur in Texten, sondern durch Körper tradiert werden…

Es macht jedenfalls einen Unterschied, was als Beispiel angeführt wird: Auffällig ist – und das ist ja von Derrida bemerkt und von ihm als große Metonymie angesprochen worden –, dass zumal in bestimmten philosophischen Diskursen regelmäßig der Hand und dem Finger eine besondere Beispielhaftigkeit, eine bemerkenswerte Exemplarität für das Berühren insgesamt (und die großen Fragen nach Leib und Subjekt, die da dranhängen) zugewiesen wird.

SG: In Deinem eigenen Vortrag standen nun weniger Wiederholungen, Verweise u.Ä. im Vordergrund. Mir scheint, dass gerade an der Berührung deutlich wird, wann genau und in welcher Form die thematische Ebene (das Reden über Handgreifliches, Berührung etc.) in eine operative der Aufforderung übergeht bzw. die Thematisierung sogar zu einer Problematisierung gelangt, die ohne praktischen Charakter effektlos bliebe.

JG: Vor dem Hintergrund der Frage nach einem Aufforderungscharakter in seinem Zusammenhang mit der Herstellung und Sicherung von Evidenz eines theoretischen Wissens und seiner Tradierung durch Körperhabe ich mich in meinem Vortrag mit einer Beispielreihe, also mit in Reihe gestellten handgreiflichen Beispielen beschäftigt, die Michel Serres in Die fünf Sinne anführt – und ich finde sie für die Frage nach handgreiflichen Beispielen ziemlich interessant, und daran wird vielleicht auch die Sache mit dem Übergang vom Theoretischen zur Praxis nochmal etwas klarer – wobei das natürlich für jeden Beispielgebrauch eigens zu klären ist. Serres entwirft dort ja, wie der Untertitel dieses Buchs schon ankündigt, eine Philosophie des corps mêlés, und damit geht es ihm um eine sozusagen tangible Philosophie, ein tangibles Denken der „Turbulenzen und Gemische“, womit er sich gegen eine Theoria als Veranstaltung einer rein geistigen Schau absetzen will. Ein solches Denken scheint in bemerkenswerter, ja man kann sagen, in radikaler Weise auf handgreifliche Beispiele angewiesen zu sein. Serres, der Erkenntnistheoretiker, Mathematiker und ehemalige Marineoffizier, beginnt dieses dicke Buch mit der paradigmatischen Erzählung einer katastrophischen Schiffbruch-Szene – auf hoher See im Winter brennt es unter Deck, und er findet sich eingeklemmt in einem Bullauge, halb draußen in eisiger Gischt, halb drinnen in Gefahr, zu verbrennen. Diese Erzählung läuft auf die folgende These zu, um deren Vermittlung und Erprobung es Serres dann im Weiteren zu tun ist:

Der Körper, die Zönästhesie versteht es ganz von sich aus, »ich« zu sagen. […] Es gibt einen nahezu punktförmigen Ort, auf den der ganze Körper hinweist in der räumlichen Erfahrung des Durchganges. Das »ich« schwingt allseitig um diesen Punkt herum; […]. Seit meinem Beinaheschiffbruch habe ich mir angewöhnt, diesen Ort die Seele zu nennen. Die Seele befindet sich an dem Punkt, wo das »ich« sich entscheidet“ (Serres 1998, 14f.)

Wenige Seiten später wird deutlich, dass die Erfahrung des eigenen Körpers als Erfahrung einer grundsätzlichen Turbulenz im Sinne einer Gemengelage kontingenter Singularitäten, in der ‚die Seele‘ sich einfindet, eben ganz handgreiflich gemacht werden kann – jetzt kommt nämlich die besagte Beispielreihe, und die ist ziemlich lang:

Mit dem Mittelfinger berühre ich meine Lippe. In dieser Berührung liegt das Bewußtsein. Ich beginne mit seiner Untersuchung. Oft verbirgt es sich in einer Falte: Lippe an Lippe gelegt, die Zunge an den Gaumen gedrückt, Zähne auf Zähne gepreßt, geschlossene Augenlider, zusammengezogener Schließmuskel, zur Faust geballte Hand, ineinander verschränkte Finger, Unterseite des einen Oberschenkels auf die Oberseite des anderen oder einen Fuß über den anderen gelegt. Ich wette, der kleine monströse Homunkulus, dessen jeweilige Teile im Verhältnis zur Größe der Empfindungen stehen, wächst und schwillt an, wo es zu solchen Automorphismen kommt, wo das Hautgewebe sich auf sich selbst zurückfaltet. In der Berührung mit sich selbst erlangt die Haut Bewußtsein, und ebenso in der Berührung mit Schleimhäuten; desgleichen wenn Schleimhaut auf Schleimhaut liegt. Ohne solche Einfältelungen, ohne die Berührung mit sich selbst, gäbe es keinen inneren Sinn, keinen wirklichen Körper, weniger Körpergefühl und kein eigentliches Körperschema; wir würden ohne Bewußtsein leben, glatt und stets in Gefahr, uns selbst zu verlieren. […] Bewußtsein stellt sich nur an den Stellen ein, die durch kontingente Singularitäten gekennzeichnet sind, an Stellen, an denen der Körper sich selbst tangiert.“ (ebd., 18f.)

Nun, diese Serie von Selbstberührungen scheint erst einmal konventionell zu beginnen, insofern sie eben mit einer Fingerberührung anhebt. Es gibt, mit Derrida gesprochen, eine regelrechte „Tropik des Berührens, eine Metaphysik als Hapto-Tropik“, und zwar bereits seit Aristoteles, in der, wie gesagt, der menschlichen Hand und besonders den Fingern immer wieder ein ausgezeichneter Status zukommt: Sie gelten als besonders exemplarisch für das Berühren insgesamt. Man kann sich hier zudem an die topischen Figuren reflexiver Selbstberührung in der Philosophie erinnert fühlen, wie sie oben schon mit Husserls sowie Merleau-Pontys Beispielen des ‚Berührens der linken Hand mit der rechten‘ angesprochen wurden, und die, freilich in anderer Weise und Absicht, etwa auch Condillac mit seinem berühmten Modell einer zum Leben erwachten Statue mobilisiert, die erst durch Selbstberührung zu einem Ich-Bewusstsein gelangt.

SG: Kann man bei Serres nicht sogar soweit gehen zu sagen, dass seine Reihe an handgreiflichen Beispielen gerade einem Denken der Anexaktheit, wie es Deleuze bezeichnen würde, oder einem der steten Spannung von Identität und Alterität zuarbeitet, d.h. einem Denken, das sich aufgrund der steten Widersprüche der ‚leiblichen Praxis’ oder des ‚praktischen Körpers’ keiner Identitätslogik unterzuordnen versteht und daher auch im Vokabular eine radikale Umstellung fordert und selbst einführt? Und tut er dies nicht gerade mit Mitteln und Beispielen, die zeigen können, dass uns unser leiblicher Vollzug selbst auf diese Krise des Ich verweist? Ich denke da an Serres’ Ausführungen zum Zeigefinger…

JG: Ja! Also, wir können hier zunächst bemerken: Serres steht mit seiner Beispielreihe durchaus in der Tradition jener „Metaphysik als Hapto-Tropik“ – und sehr wohl findet auch in seinen Szenarien etwas wie eine Konstitution der seelischen Realität durch den Leib statt. Allerdings schaltet Serres hier nun die Selbstberührungsakte in seinen Beispielen in Serie, und vervielfältigt und dezentralisiert auch die Orte der Berührung wie ebenfalls die berührenden Glieder: Der Mittelfinger berührt keine vermeintlich opake Körperoberfläche (wie Hand, Brust oder Arm), sondern die auf sich selbst gefalteten Lippen – wobei ob deren besonderer Empfindsamkeit, die womöglich die der Fingerspitze übersteigt, zu oszillieren beginnt, was hier nun genau das aktiv berührende Organ ist und was das berührte. Insofern figuriert der Mittelfinger hier metonymisch als Zeigefinger, der auf die Falte weist, also darauf, worum es Serres eigentlich geht. Zu Mittelfinger und Lippen treten in der Dramaturgie, ja Choreografie der Beispiele Zunge und Gaumen, die Zähne, Augenlieder und der Schließmuskel, sowie übereinandergeschlagene Beine und Füße und schließlich der Phallus hinzu (wobei man hier auch diskutieren könnte, inwiefern mit jenem „kleinen monströsen Homunkulus“ nicht auch weibliche Sexualorgane angesprochen sind; und schon Luce Irigaray hat bekanntlich mit Lippen nicht allein die des Munds, sondern auch die Schamlippen angesprochen – auch dies spezifisch handgreifliche Beispiele in den Texten feministischer Philosophie; dem können wir ein anderes Mal weiter nachgehen). Bleiben wir bei Serres: Es handelt sich mit dieser Beispielreihe zweifelsohne um einen handgreiflichen Exzess, wie er sicher im ästhetischen Wissen einzigartig ist. Damit kartiert Serres den Körper und dessen Faltungen von Kopf bis Fuß, wobei alle Organe zu Tastorganen werden – sogar das Auge, von dem es bereits in der Einstiegserzählung heißt, dass der Qualm im brennenden Schiffsrumpf „in den Augen beißt“ (ebd., 11). Dennoch schließt sich diese Serieder Beispiele nicht zu einer Ganzheit des Körpers und einer Einheit des ‚Ich‘.Ebenso vermittelt sie nicht die Evidenz jener Doppelempfindung, mit der sich noch Husserl seines Leibs als Ganzem zu versichern wusste. Serres ist es vielmehr um ein Denken der irreduzibel turbulenten Mischung kontingenter Singularitäten zu tun, sprich der „Fusion ohne Konfusion“ (ebd., 104), um eine Metaphysik unter den Bedingungen extremer Kontingenz. Und entsprechend gelangt diese Beispielreihe aus prinzipiellen Gründen zu keinem Ende:

Wer nicht weiß, wo seine Seele sich befindet, berührt seinen Mund, und auch dort erfährt er es nicht. Der Mund, der sich selbst berührt, macht sich seine Seele und vermag sie der Hand zu geben; die Hand, die sich ballt, vermag sich ihre blasse Seele zu schaffen und kann sie nach Belieben dem Mund geben, der sie bereits hat. Kontingenzen reinster Art. […] Versuchen Sie nun einmal selbst, herauszufinden, wo die Seele sich befindet, indem Sie die Ellbogen auf die Knie oder sonst ein Körperteil auf einen anderen legen. Das hat kein Ende […]. Unsere Seele breitet sich so aus, dass wir nicht eins sind“ (ebd., 19, 21).

Hier wird nun die den vorangegangenen Beispielen bereits implizite Aufforderung, die Sache „nun einmal selbst“ auszuprobieren und zur Praxis überzugehen, um Serres Theorie zu folgen, also ganz explizit. Es geht mir hier keineswegs darum, Serres gegen Husserl oder gegen Merleau-Ponty auszuspielen. Wohl aber lässt sich an den jeweils gegebenen handgreiflichen Beispielen zeigen, welchen Unterschied sie für die Theorie machen, die von diesen abhängig scheint, und auch, dass handgreifliche Beispiele je eine Geschichte haben.



Wir danken Jessica Güsken für das Gespräch. Das Interview für et al. führte Selin Gerlek

Weitere Informationen zu Jessica Güsken findet man hier.

 

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